Der Bauherr

Herbert von Massow wurde um 1870 geboren. Nach seiner Ausbildung zum Landwirt auf verschiedenen Gütern in Norddeutschland erwarb er 1895 von Paul von Zitzewitz das Gut in Langeböse. Die Ortschaft Langeböse (Kreis Stolp) liegt westlich von Lauenburg an der Lauenburger Chaussee, der Reichsstraße 2. Er errichtet dort 1901 ein Kalksandsteinwerk und 1906 eine Brennerei. Das Gut Langeböse mit über 900 Hektar landwirtschaftlicher Fläche und einer Rinderzucht wurde von ihm erfolgreich bis zur sowjetischen Invasion in Pommern geführt. Herbert von Massow starb am 28. März 1945 in Lauenburg.

Herbert von Massow wurde Mitglied der von Maximilian Nitschke gegründeten Villenbaugenossenschaft in Leba und begann im Sommer 1906 mit der Errichtung eines Strandhotels nordöstlich der Stadt nahe der Mampedüne.

Der Architekt

Walter Kern wurde am 24. Mai 1860 in Breslau geboren. Sein Studium an den Technischen Hochschulen in Berlin und Wien schloß er 1882 mit der Regierungs-Bauführerprüfung ab und wurde 1887 Regierungsbaumeister. 1897 wurde er Bauinspektor. Nach seiner Ernennung zum Baurat wurde er Chef des Hochbauamt Berlin-Potsdam III und leitete er die Um- und Erweiterungsbauten der Kirchen in Schöneberg, Glienicke, Köpenick, Müggelheim, Rudow, Teltow, wie auch die Umbauten der Schulen in Groß-Ziethen, Wusterhausen und Trebbin. Nach seinem Entwürfe entstanden das Kreisständehaus in Beuthen (Schlesien), das Wohnhaus des Sanitätsrats Dr. Alberts in der Schloßstraße in Steglitz, sein eigenes Sommerhaus Vineta in Bansin, die Frauenklinik von Dr. Glaeser in Danzig, die Auguste-Viktoria-Krippe in Schöneberg sowie der Neubau der St. Lukaskirche und Pfarrei in Steglitz. Walter Kern starb als Hauptmann am 14. Dezember 1918 auf dem Rückzug aus Russland an einer Grippe und wurde im ukrainischen Gorodisce bestattet.

Walter Kern erhielt vom Freiherrn von Massow den Auftrag zur Planung und Errichtung des Kurhauses im Ostseebad Leba und führte diesen Auftrag aus.

Der Betreiber

Nitschkes Hotel an der Hauptsstraße

Maximilian Clemens Heinrich Nitschke wurde am 17. November 1865 in Rützow, Kreis Körlin/Kolberg als eines von 10 Kindern des Pastors Heinrich Ernst Nitschke geboren. Er wurde Landwirt und bekam aufgrund guter Zeugnisse und Empfehlungen am 1. April 1891 die selbstständige Administratorenstelle auf dem Gut Neuhoff bei Leba. Am 30.11.1894 heiratete er Luise Hermine Marie Fick aus Leba. Von Neuhoff aus gründete er die Molkereigenossenschaft in Leba und setzte sich maßgeblich für den Bau der Eisenbahnverbindung nach Leba ein. Nach dem Tod der Gutsbesitzerin Frau von Stranz kaufte er Bahr’sche Hotel an der Hauptstraße in Leba, ließ den Saal um eine Bühne erweitern und einen Gebäudeflügel mit Fremdenzimmern anbauen. Dieses Haus bewohnte und bewirtschaftete die Familie vom 1. Oktober 1899 bis 1922.

1911 kaufte er das einsturzgefährdete Kurhaus von Herbert von Massow und ließ den Fuß der Kurhausdüne befestigen. Das Kurhaus Leba wurde von der Familie Nitschke von 1912 bis Januar 1945 bewirtschaftet.

Maximilian Nitschke war stark am Lebaer Genossenschaftswesen beteiligt. Er zählte zu den Gründern der Raiffeisen-Kasse, der ländlichen Spar- und Darlehenskasse, der Villenbaugenossenschaft sowie der gemeinnützigen Warmbadegenossenschaft und war bei allen längere Zeit Vorsitzender. Er war außerdem Vorsitzender des Aufsichtsrats der Viehgenossenschaft, Stadtverordneter und Kirchenvertreter. 1928 gründete er die Pommersche Segelflugschule in den Lontzkedünen.

Maximilian Nitschke

Zu seinen vielfältigen wirtschaftlichen Aktivitäten gehörten die Pachtung und Bewirtschaftung eines Guts in Rumbke mit 15 Hektar Wiesen, die Fischereipacht auf dem Sarbsker See, die Pachtung und Bewirtschaftuung des Bahnhofsrestaurants, die Betreibung eines Lebensmittelladens, der Bau oder Ausbau mehrerer Häuser in Leba. Kurze Zeit war er Eigentümer des Ritterguts Sarbske sowie eines Brennereiguts im Schlochauer Kreis.

Maximilian Nitschke kaufte 1917 das Waldgut Schönehr mit 180 Hektar Wald und 1918 das Restgut mit 55 Hektar Äcker und Wiesen. Nach dem Tod seines Sohnes am 28.12.1921 infolge einer Kriegsverletzung verkaufte Maximilian Nitschke das Hotel an der Hauptstraße und gab sämtliche Pachtungen auf, auch die der Bahnhofswirtschaft. Durch die Inflation verlor er dabei einen großen Teil seines Vermögens. Die Familie lebte von 1922 bis 1934 im Winter auf dem Gut Schönehr und während des Sommer im Kurhaus. 1934 schließlich wurde das Gut Schönehr verkauft und die Familie übersiedelte dauerhaft in das Kurhaus.

Am 28. Januar 1945 verließen Maximilian Nitschke und seine Frau Luise, lediglich mit ihrem Handgepäck versehen, das Kurhaus. Sie flohen mit einem Autokonvoi der Raketenversuchsstelle Rumbke vor der drohenden Einkesselung Hinterpommerns durch die Sowjets. Maximilian Nitschke starb am 22. März 1946 in Perleberg, seine Frau kurze Zeit später in der Nähe von Lübeck.

Das Kurhaus während des Baus im Sommer 1907

Eröffnungen

Das Kurhaus wurde am 23.9.1907 eröffnet. Für den Bau wurden vorzugsweise Kalksandsteinziegel aus dem Werk in Langeböse verwendet. Der Bau kostete etwa 150.000 Reichsmark.

Nach dem Bau der Ostmole an der Hafeneinfahrt um die Jahrhundertwende wurde der Strand vor dem Kurhaus zunehmend durch die Brandung abgetragen. Vermutlich waren veränderte Strömungsverhältnisse die Ursache dafür. Bei einem Sturm am 6. Februar 1911 wurde die Kurhausdüne schließlich erheblich unterspült. Am 28. Februar 1911 besichtigten mehrere hohe Beamte die Schäden, unter ihnen der Oberpräsident von Pommern, Freiherr von Maltzahn. Der Hotelbetrieb sollte wegen der möglichen Einsturzgefährdung des Hauses eingestellt werden.

Maximilian Nitschke erwarb das Haus auf Abbruch und kaufte einen Tag später das dazugehörende Grundstück von Herbert von Massow.

Das Kurhaus 1911 nach dem ersten Dünenabbruch

Er ließ eine Betonmauer hinter einer Gründung aus Kiefernpfählen am Fuß der Kurhausdüne bauen. Hinter diesem Schutz wurde die Düne wieder aufgeschüttet und bepflanzt. Nach dem Erwerb des dazugehörenden Mobiliars wurde das Kurhaus zur Saison 1912 wieder eröffnet.

Die Sturmflut

Eine mehrere Tage andauernde, schwere Sturmflut, die „Silvesterflut“ von 1913, erreichte in der Neujahrsnacht zu 1914 ihren Höhepunkt und richtete entlang der pommerschen und mecklenburgischen Ostseeküste schwere Verwüstungen an. Das Wasser der Ostsee wurde durch die Mündung der Leba in die Straßen der Stadt gedrückt. Die beiden Badeanstalten, die am Strand neben dem Kurhaus gestanden hatten wurden vollständig zerstört. Zwischen dem 09. und 11. Januar 1914 brach die Kurhausdüne hinter der neuen Betonmauer ab und wurde fortgespült. Umliegende Güter hatten Fuhrwerke und Menschen zur Hilfe
geschickt. Das Mobiliar wurde in Sicherheit gebracht. Viele Männer Lebas halfen, von den Nebendünen Sandsäcke  heranzuschaffen um damit das Kurhaus zu schützen.

Das Kurhaus im Frühjahr 1914

Das Kurhaus um 1920 mit gesichertem Dünenfuß

Das Kurhaus wurde erneut baupolizeilich geschlossen und sollte abgerissen werden. Nach schwierigen Verhandlungen und Begutachtungen, daß das Gebäude selbst keine Schäden davongetragen hatte, wurde die Kurhausdüne weiter befestigt. Die stehen gebliebene Betonmauer wurde nach beiden Seiten verlängert und verstärkt. Über mehrere Monate wurde von 40 Arbeitern mit einer Lorenbahn Sand zur Auffüllung der Düne herangefahren und eingebaut. Pfingsten 1914 wurde das Kurhaus wieder einmal eröffnet.

Hotelbetrieb

Die Saison 1914 wurde durch den Kriegsbeginn überschattet. Viele Badegäste blieben aus und der Eisenbahnverkehr zwischen Lauenburg und Leba wurde zeitweise eingestellt.

Von der die kriegsbedingten Lebensmittelknappheit war in Leba kaum etwas zu bemerken. Ein Gemüsegarten und zwei Karpfenteiche auf dem Gut Schönehr sicherten die Versorgung der Hotelgäste. Kühe und Geflügel auf dem gepachteten Wiesengut Rumbke sowie Fischerei- und Jagdpachten kamen hinzu. Das reichliche, gute Essen trug erheblich zur Beliebtheit des Kurhauses in Leba bei.

Das Kurhaus war ursprünglich nur für den Sommerbetrieb geplant und hatte keine Heizung. Erst 1934 wurde in die privaten Räume, die Winterküche, das Winterlokal und einige Fremdenzimmer eine Zentralheizung installiert.

Zu den Gästen des Hauses sollen Max Schmeling mit Anny Ondra, der österreichische Bundeskanzler Dollfuß, Reichsinnenminister Frick, der Danziger Senatspräsident Dr. Sahm, der Tiefseetaucher Hans Haß und der Afrikaforscher Hans Schomburgk gehört haben. Gustav Gründgens drehte im Sommer 1938 am Kurhaus eine Verfilmung des Romans „Effi Briest“.

Nach dem Beginn des Krieges 1939 ging der Sommerbetrieb im Kurhaus zunächst weiter. Ab 1941 wurde das Kurhaus als Gästehaus für die Raketenversuchsstation Rumbke beschlagnahmt und der öffentliche Restaurantbetrieb musste eingestellt werden. Ingenieure von Rheinmetall-Borsig und Offiziere bewohnten das Kurhaus.

Ein Ende einer Geschichte

Leba wurde am 10. März 1945 von sowjetischen Truppen besetzt und in der üblichen Weise geplündert. Bereits drei Monate zuvor war das Kurhaus vollständig geschlossen worden, vermutlich unterlag es dann ab März 1945 einer vollständigen Ausplünderung. Zwischen Mai und August 1945 wurde in Leba eine polnische Zivilverwaltung etabliert, die gewaltsame Vertreibung der verbliebenen Volksdeutschen begann. Das Kurhaus, wie auch das Vermögen der übrigen Vertriebenen, wurde durch den polnischen Staat konfisziert. Vertreibung, Plünderungen und Konfiszierung von privatem Eigentum wurden durch die sogenannten Bierut-Dekrete von 1946 straffrei gestellt. Dies wurde 2008 durch den EU-Gerichtshof als rechtmäßig bezeichnet. Ab 1946 wurde das Kurhaus als Erholungsheim unter dem Namen „Baltyk“ benutzt, bis es 1990 an einen Privatunternehmer verkauft wurde. Seitdem wird es unter dem Namen „Neptun“ als Hotel bewirtschaftet.

Ein persönliches Wort

Alexander Nitschke, einer der vielen Ururenkel, hat mit der Zusammenstellung und Veröffentlichung des Familienstammbaums hier auf diesen Seiten viel Fingerspitzengefühl bewiesen. Maximilian Clemens Heinrich Nitschke war ein aktiver und erfolgreicher Mann, gehört aber ganz sicher nicht zu den wichtigen Personen der Zeitgeschichte. Es kann deswegen als fragwürdig gelten, die Geschehnisse der damaligen Zeit vor der Öffentlichkeit auszubreiten. Zwei Gründe gaben dafür den Ausschlag:

(1) In verschiedenen Quellen, vor allem auf den Internetseiten des Hotels „Neptun“ aber auch auf Seiten überwiegend polnischer Heimatforscher, wird viel Unwahres verbreitet und auch kommentiert. Es wird weiterhin eine Reihe von Gerüchten verbreitet für die bisher keine Belege auffindbar sind. Es ist nicht notwendig, sich im Einzelnen damit auseinanderzusetzen. Mag dieser Artikel der Richtigstellung dienen.

(2) Dieser Artikel soll beispielhaft Wissen über und Verständnis für eine ganze Generation von Volksdeutschen vermitteln, die ihren Lebensmittelpunkt in Pommern und anderen Gebieten östlich der Oder und Neiße hatten.

Quellen waren persönliche Aufzeichnungen von Maximilian Nitschke und seiner Tochter Eva, die Internetseiten des Bundes der Lebaer sowie verschiedene, allgemein zugängliche Veröffentlichungen zur Sturmflut 1913, zum Bauherrn sowie zum Architekten des Kurhauses. Für ergänzende Hinweise wäre ich dankbar.

Januar 2011
Michael Nitschke, Urenkel von Maximilian Clemens Heinrich Nitschke

Bildergalerie vom Kurhaus